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Die Kunst sich selbst zu sein (Teil 1)

Ein Mensch, der sich hauptsächlich um die Befriedigung seiner Statusbedürfnisse kümmern muss, hat noch nicht die Kraft sich selbst zu verwirklichen. Er verwirklicht lediglich seine äußere Schale, gewissermaßen seine Verpackung.

-Vera F. Birkenbühl

Aufgrund unserer Statusbedürfnisse können wir nicht uns selbst sein, weil wir nicht akzeptieren wer oder wie wir im gegenwärtigen Moment sind.

Wir akzeptieren nur eine Version von uns selbst, die jetzt noch nicht existiert.

Das betrifft hauptsächlich den Körper, unseren materiellen Besitz und unseren Status.

Wir wollen schlanker und fitter sein, sind unzufrieden mit der Frisur oder unserem Aussehen, ein altes Auto ist uns peinlich, wenn wir nur erst das eigene Haus hätten oder Abteilungsleiter wären …

Wir glauben natürlich fest daran, dass dies unsere ureigenen Wünsche sind.

Auf diese Weise werden wir gefangene unseres eigenen Denkens.

Man kann es sich schön reden wie man will. Bei genauerem Hinsehen wird uns das von außen diktiert und wir streben danach jemand anderer zu sein als wir im Moment sind.

Wir sind möglicher Weise auch besorgt darüber, was andere über uns denken.

Die Kunst sich selbst zu sein besteht darin mit sich selbst im Einklang zu sein.

Das heißt, das man sich voll und ganz im gegenwärtigen Augenblick akzeptieren kann, so wie man genau jetzt ist und mit dem was man jetzt hat.

Das Leben findet immer nur im Jetzt statt.

Die Frage ist nur in welcher Qualität und Intensität Du das Leben wahrnimmst.

Diese Wahrnehmung wird leider von einer permanenten, mentalen „Geräuschkulisse“ überlagert.

Deinem permanenten Gedankenstrom.

Grübeln über die Vergangenheit, sorgen machen über die Zukunft, sich darüber ärgern, was man im gegenwärtigen Moment nicht hat usw.

Als Kind hast Du Dich die meiste Zeit voll und ganz akzeptiert, so wie Du in dem Moment warst.

Dabei hast Du weniger Zeit damit verschwendet über Dich selbst nachzudenken.

Zumindest als Du noch nicht in der Schule warst.

Du bist voll und ganz in dem aufgegangen was Du gerade gespielt hast.

Du warst Winetou mit Haut und Haaren und hast nicht nur halbherzig so getan also ob.

Die Kunst sich selbst zu sein ist uns angeboren.

Sie wurde uns von allen Seiten permanent abtrainiert.

Als Kind hast Du alles farbig gemalt.

Du hast den Himmel grün, das Gras knallrot und den Hund pink gemalt.

So ist es aus Dir heraus gesprudelt.

Dann hat man in der Schule eine Note für jeden dieser „Fehler“ abgezogen. Bis Du es „richtig“ gemacht hast.

Deine Selbstbestimmung wurde untergraben und Du wurdest auf den Vergleich mit anderen eingenordet.

Dieser Vergleich fand über Schulnoten statt und über Konsum und Status-Symbole.

Die Schuluniformen in anderen Ländern sind in dieser Hinsicht noch lange nicht das Dümmste.

Dann kann sich niemand über Statussymbole profilieren.

Wie dem auch sei! Ich wollte nur kurz streifen, wie wir die Kunst uns selbst zu sein verlernen.

Glückliche Augenblicke im Leben haben eines gemeinsam.

Du hast für einen kurzen Moment aufgehört über Dich selbst nachzudenken.

Auch sonst hast Du über nichts nachgedacht, sondern warst mit der ganzen Aufmerksamkeit im gegenwärtigen Augenblick verankert.

So wie wenn Du einen Sonnenaufgang auf einem Berggipfel erlebst, denn Du bestiegen hast.

Die Schönheit dieses Augenblicks hat Deine ganze Aufmerksamkeit auf sich gezogen und Deine innere Glücksquelle konnte wieder sprudeln.

Das Glücksgefühl bei diesem Erlebnis kam tatsächlich von innen.

Die Kunst sich selbst zu sein, ist es diesen gedankenfreien Zustand auf Knopfdruck selbst zu aktivieren und beliebig lange aufrecht erhalten zu können.

Das war es, was Dir als Kind so leicht gefallen ist.

„Jetzt spielen wir Indianer!“ – das hat ausgereicht um für Stunden Du selbst zu sein.

Jetzt sagst Du, aber ich war doch in Wirklichkeit gar kein Indianer, das ist doch nur Fantasie.

Die Kunst Dich selbst zu sein ist es, zu erschaffen WIE Du bist, bzw. die Qualität Wie Du es bist zu erschaffen.

Du kannst dazu Indianer spielen oder Postbote, oder Familienvater, oder Abteilungsleiter, oder Baggerfahrer usw.

Es spielt keine Rolle, ob Du einen Himmel grün malst. Wenn Du Dich voll und ganz dem Malen hingeben kannst und dabei super glücklich bist, hast Du eine 1+ verdient.

Jemand der absolut perfekt malen kann, ohne sich anstrengen zu müssen und parallel dazu sogar noch seine Mitschüler ärgert, der hätte eine 6 verdient.

Anders sähe es aus, wenn er anderen mit voller Hingabe geholfen hätte. – Aber das darf er nicht …

Diese Umkonditionierung führt dazu, dass unsere Empfindung von „Selbst“ sich sehr selten vollständig anfühlt.

Ich bin nicht genug, jetzt in diesem Moment“, sagst Du deshalb zu Dir selbst

Auf der Ebene von Statusbedürfnissen ist das richtig.

Selbst wenn Du für 1000 Jahre leben würdest, könntest Du nicht alle die Dinge haben oder tun, die es gibt oder die möglich sind.

Du kannst Dich zwangsläufig nur für eine oder ein paar wenige Hauptaktivitäten entscheiden.

Dadurch schließt Du tausende von anderen Möglichkeiten aus.

Oder Du versuchst zu einem projizierten Ziel zu gelangen. Der höchste Punkt in Deinem Beruf beispielsweise.

Ich muss dahin kommen, um vollständig ich selbst zu sein!“ oder „Ich brauche diese Anerkennung!“ denkst Du Dir dann.

Dann arbeitest Du für viele Jahre darauf hin.

Vielleicht schaffst Du es, vielleicht auch nicht.

Viele schaffen es nicht, weil nicht jeder triumphieren kann.

Du kannst es nur schaffen, wenn viele Andere es nicht schaffen.

Es zu schaffen wäre bedeutungslos, wenn jeder es schaffen könnte.

Und wenn Du es nicht schaffen kannst, irgendeine Besonderheit zu erreichen, glaubst Du, Du wärst gescheitert.

Ich armes Geschöpf, das gescheitert ist und es nicht geschafft hat, weil die Welt mich ungerecht behandelt hat und meine Lebensumstände sehr nachteilig für mich waren“.

Und ich hatte einen schlechten Start ins Leben!“

Du formst dann ein Bild von „Selbst“, als jemand der ungerecht behandelt wurde.

Auch das erzeugt ein starkes „Ich“-Gefühl.

Ungerechte Behandlung durch die Welt, oder von einer bestimmten Person, oder Deinen Eltern.

Ein Empfinden von gescheitert sein.

Ich bin gescheitert in den Augen der Welt!“

Ich hatte einige Chancen“ oder „ich hatte niemals eine Chance“ und „irgendwie hat es nicht hingehauen und ich habe es nicht geschafft“.

Ein sehr unglückliche und leidgetränkte empfinden von „Selbst“. Auch das gibt ein starkes „Ich“-Gefühl.

Und Du kannst viel mit anderen darüber sprechen, wie leidgeprüft Du bist.

Andere stimmen Dir zu und Du kannst auf diese Weise Deine arme „Ich“ Identität festigen.

Wenn jemand eine bestimmte Empfindung von „Selbst“ im Verstand fixiert hat, will er diese nicht mehr los lassen.

Jeder Therapeut weiß, wie stark der Zwang ist, an der Empfindung von „Selbst“ festzuhalten.

„Wenn ich meine traurige Geschichte aufgebe, wer bin ich dann?“ – Das trifft auf viele Leute zu!

Eine Person die denkt, sie hat es geschafft, und eine Person, die denkt sie ist gescheitert, sind zwei Extreme. Die meisten Leute schwanken irgendwo dazwischen.

Diese Leute denken einige Zeit es geht ihnen gut und dann macht jemand eine kritische Bemerkung. Das reduziert dann ihre Empfindung von „Selbst“.

Du wirst Dich immer unerfüllt fühlen, solange Deine „Ich“-Empfindung von Errungenschaften abhängig ist – egal wie erfolgreich Du bist.

Wenn jemand glaubt, dass er sich vollständig fühlen wird, nachdem er verschiedene Dinge zum Bild, wer er ist, hinzugefügt hat, irrt er sich.

Beispielsweise akkumuliertes Wissen, Anerkennung von anderen Leuten, eine wunderschöne Frau, ein reicher Ehemann, ein neues Haus oder ein teures Auto usw.

Du wirst Dich nach dem Hinzufügen solcher Dinge nicht vollständig fühlen, außer vielleicht für eine kurze Zeit.

Du wirst auch nicht dadurch „ankommen“, dass es ein Happy Ending zu Deiner Storry gibt.

Du kannst nicht herausfinden wer Du wirklich bist, solange Du dafür etwas brauchst, was Du erst in der Zukunft erreichst oder besitzt.

Ich sage nicht, dass Du nicht mehr Wissen oder Expertise Deinem Leben hinzufügen sollst. Das ist alles wunderbar.

Sicher, Du brauchst die Zukunft, um neue Dinge zu lernen und neues Wissen zu akquirieren. Für all das benötigst Du Zukunft.

Aber ein Gefühl von Vollendung oder Erfüllung dadurch zu suchen, ist ein großer Trugschluss.

Du kommst niemals an dieser Empfindung von „Selbst“ an, wenn Du endlos mehr Inhalt zu Deinem Leben hinzufügst.

Es ist niemals genug.

Es fühlt sich vielleicht für eine kleine Weile als genug an. Aber Du realisierst schon bald: „Ohh, da gibt es noch etwas das mir fehlt, um mich vollständig zu fühlen!“

Du könntest eine Vorstellung materiellem Erfolg formen und versuchen Erfüllung zu finden, in dem Du Dich mit diesen materiellen Errungenschaften identifizierst.

Das fühlt sich gut an, – für eine kleine Weile.

Du hast das Auto und das große Haus, alle Fallen von materiellem Erfolg. Es fühlt sich für eine kleine Weile gut an diese Dinge zu haben.

Wenn Du in Deinem neuen Auto sitzt, fühlt es sich für eine Weile gut an.

Andere bemerken Dich.

Aber nach einer Weile trägt sich das ab.  Nach einer Weile ist es für Dich normal, dass Du in dem Ding sitzt, das Dich von A nach B bringt.

Ja, es ist komfortabler als in anderen Autos. Aber es erfüllt Dich nicht mehr so wie zu Beginn.

Erkenne den Trugschluss, Dich selbst in der Zukunft zu suchen oder Dich selbst außerhalb von Dir selbst zu suchen.
Eckhart Tolle

Die eine Sache, die nicht vom Leben separiert werden kann, ist der Bereich des JETZT.

Leben ist immer JETZT.

Niemand kann das in Frage stellen.

Und das JETZT fast immer und fortlaufend zu verpassen, weil man eine mentale Abstraktion der Zukunft jagt, – was ist das für ein Leben?

Die eine Sache, nach der Du in der Zukunft Ausschau gehalten hast, damit Du Dein „Selbst“ zum Abschluss bringen kannst, ist bereits da – es ist der gegenwärtige Augenblick, das JETZT.

Auf einer tieferen Ebene ist diese Empfindung von Leichtigkeit und Lebendigkeit und von Liebe bereits in Dir vorhanden.

Du kannst herausfinden, dass alles, was es braucht bereits da ist und das es nicht den Abschluss von Deiner Story in Deinem Kopf bedarf .

Deine Story wird sich entwickeln, in irgendeiner Weise, dass ist klar.

Aber der Abschluss dieser Story wird nicht benötigt.

Es ist seltsam. Aber wenn Du nicht mehr darauf angewiesen bist, dass Deine Geschichte „aufgeht“,  funktioniert es auf einmal ziemlich gut.

 

Wir sind alle besessen davon, was wir tun und was wir erreichen.
Was wäre, wenn wir das ignorieren und einfach die Art und Weise wie wir leben als unsere Erungenschaft betrachten.
– Marie Shiver

Praktische Anwendung

Die Kunst sich selbst zu sein besteht darin, wie intensiv wir im gegenwärtigen Augenblick leben und vor allem wie wir denken, fühlen und andere behandeln.

Statusbedürfnisse, Konsum und materielle Errungenschaften sind nicht erforderlich um erfüllt und authentisch zu leben. Diese Dinge können sogar kontraproduktiv sein.

Es gibt ganz konkrete Übungen, um die Kunst sich selbst zu sein im Leben praktisch umzusetzen.

Die zwei effektivsten sind für mich Achtsamkeit und die „Das kann ich besser“-Methode.

Beide Methoden sind extrem einfach und unscheinbar, davon sollte man sich nicht täuschen lassen.

Übung 1 Gelassenheit

„Das kann ich besser!“ sage ich jedes Mal zu mir, wenn etwas schief geht oder nicht so klappt wie ich es gerne hätte.

Also dann, wenn es wieder einmal zu einer Kurzschluss-Reaktion kommen würde, bei der ich (früher) am Liebsten Fluchen oder schimpfen wollte.

Das passiert mir inzwischen sehr selten.

Eine weitere Variation davon ist „das kann sie/er besser!“ Beispielsweise ein Autofahrer, der mir die Vorfahrt nimmt.

Und dann gibt es noch die „das kannst Du besser!“ Variation, anstatt mit jemandem anderen zu schimpfen, der etwas (vermeintlich) nicht richtig gemacht hat.

In dem ich das kultiviert habe, ist meine Gelassenheit fast ins unermessliche gestiegen.

Übung 2 Achtsamkeit

Achtsamkeit bedeutet mit der ganzen Aufmerksamkeit und allen Sinneswahrnehmungen im Jetzt verankert zu sein, ohne das man gedanklich irgendwie abschweift.

Auch das kann man methodisch üben und kultivieren.

Um das Konzept und Gefühl von Achtsamkeit kennen zu lernen, kann man beispielsweise mit den Augen einen Punkt fokussieren und auf die Atmung achten.

Sobald man gedanklich abschweift, zwingt man seine Aufmerksamkeit wieder auf den fokussierten Punkt zurück.

Oder man hört einem langsam ausklingenden Ton zu und versucht diesen so lange zu hören wie es irgendwie geht.

In dem Moment wo der Ton ausgeklungen ist, denkt man absolut nichts mehr. Das ist das Konzept und Gefühl, um das es bei Achtsamkeit geht.

Man kann einige Male schnell ein und ganz langsam ausatmen und dabei auf alle sensorischen Wahrnehmungen achten (hören, riechen, fühlen, peripheres Sehen).

In dem man diese Übungen immer wieder macht, mit dem Ziel das Konzept und Gefühl davon zu kultivieren, erreicht man eine viel höhere Ebene von Achtsamkeit.

Schon bald kann man das immer wieder auf Knopfdruck aktivieren.

Anstatt zu reagieren kann man immer wieder einfach nur Achtsamkeit aktivieren, so dass der eigene Ärger oder die eigene Reaktion blitzschnell verraucht.

Dadurch kann man authentisch handeln, ohne sich hinterher über die eigenen Reaktion zu ärgern, weil man dieses oder jenes nicht gesagt hat etc.

Keep walking!

Ralf Stofer

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